Ungewöhnliche Gelegenheiten – erkennen oder erschaffen?

Über Innovation, Signale und den Mut zu handeln. Wir haben mehr Informationen als je zuvor. Und trotzdem tun sich die meisten Menschen schwer, das Wichtige darin zu finden. Das ist kein Paradox — es ist ein Hinweis darauf, wo das eigentliche Problem liegt. Es liegt nicht im Erkennen. Es liegt im Handeln.

mit generativer KI erstellt1

Jason Fried hatte seinem ursprünglichen Basecamp-Blog den Namen "Signal v. Noise" gegeben — nicht zufällig. Nate Silver hat dasselbe Problem 2012 in dem Buch "The Signal and the Noise" aus der Datenperspektive beschrieben: In einer Welt voller Daten ist die Fähigkeit, das Relevante vom Rauschen zu trennen, die eigentliche Kompetenz. Für Innovation gilt dasselbe. Wer nach ungewöhnlichen Gelegenheiten sucht, findet sie nicht durch mehr Suchen, sondern durch besseres Filtern, aber vor allem durch eigenes Handeln.

Innovation ist nicht Kreativität

Peter Drucker hat Innovation präzise vom kreativen Akt getrennt. In "Innovation and Entrepreneurship" (1985) beschreibt er den innovativen Unternehmer als jemanden, der systematisch nach neuen Wissensquellen, neuen Erfahrungen, neuem Kundenverständnis und technologischem Wandel sucht. Das Ziel ist nicht, neue Dinge zu erfinden. Das Ziel ist, ungewöhnliche Gelegenheiten zu erkennen — und sie für den Kundennutzen umzusetzen.

Noch radikaler formulierte es Joseph Schumpeter (1943): Unternehmerisches Handeln ist "schöpferische Zerstörung" — es vernichtet das Alte, um Raum für das Neue zu schaffen. Disruptive Innovationen tun genau das. Sie verändern Märkte und Strukturen von Grund auf.

Saras Sarasvathys Effectuation-Forschung bestätigt das empirisch: Erfahrene Unternehmer warten nicht auf den kreativen Einfall. Sie starten mit dem, was sie haben — und handeln.

Radikale Innovationen im Fokus

Innovation sucht nicht nur das Neue — sie sucht das Einzigartige. Sie ist eine frische Perspektive auf alte Probleme, kombiniert mit der Fähigkeit, Wissen auf neue Weise anzuwenden.

Das Ziel besteht nicht immer darin, etwas zu erfinden!

Oft steht hinter diesem Wandel eine technologische oder wissenschaftliche Grundlage — aber erst der unternehmerische Schritt macht aus einer bloßen Idee oder Technik echten Wert. Künstliche Intelligenz ist dafür gerade das stärkste Beispiel. Die Modelle sind lediglich die technologische Grundlage. Was daraus entsteht, hängt davon ab, wer früh genug handelt, um Gelegenheiten zu gestalten — statt nur zu beobachten. Die Technologie selbst ist Signal. Vieles, was in der Theorie darüber geschrieben wird, ist Noise.

Zwei Wege zur ungewöhnlichen Gelegenheit

Eine ungewöhnliche Gelegenheit ist etwas, das im normalen Verlauf der Geschichte nur selten vorkommt. Eine unerwartete Möglichkeit, die einen Durchbruch oder eine radikale Marktveränderung mit sich bringen kann. Sie ist oft lebensverändernd, und trotzdem fast immer das Ergebnis von etwas, das niemand geplant hat.

Statt rückblickend auf längst etablierte Erfolge wie Smartphones oder Cloud-Computing zu schauen, lohnt sich der Blick auf das Hier und Jetzt. Echte ungewöhnliche Gelegenheiten lassen sich heute in zwei unterschiedlichen Wegen erschaffen: in der Rekombination des Etablierten und in der Pionierarbeit am radikal Neuen.

Rekombination: Alte Fundamente, neue Handlungsräume

Hier existiert der Markt bereits seit Jahrzehnten. Das Rauschen (Noise) ist der Versuch, alte Systeme mit traditionellen Methoden nur minimal effizienter zu machen. Das Signal entsteht, wenn neue Logiken bestehende Strukturen von Grund auf umbauen.

Vom Abriss zum „Urban Mining“: Die Bauindustrie ist eines der ältesten Fundamente der Wirtschaft. Das Rauschen ist der Versuch, Gebäude mit neuen Dämmstoffen minimal klimafreundlicher zu machen. Das Signal – und die ungewöhnliche Gelegenheit – ist die radikale Neudefinition von Immobilien als Rohstofflager. Wer heute mit digitalen Materialpässen arbeitet und Gebäude so konzipiert, dass sie am Ende ihrer Lebensdauer wie Lego-Steine zerlegt und weiterverkauft werden können, verwandelt die Entsorgungslogik der Baubranche in ein hochprofitables Kreislauf-Geschäftsmodell.

Pioniermärkte: Neue Basis-Disruptionen

Hier stehen wir am absoluten Anfang der Entwicklung. Das Rauschen ist die mediale Euphorie oder Panik. Die Gelegenheit gehört jenen, die mit begrenztem Risiko handeln, bevor ein Marktkonsens existiert.

Neurotechnologie und kognitive Ergonomie: Das Rauschen sind dystopische Cyborg-Fantasien und chirurgische Gehirn-Implantate der Tech-Milliardäre. Das Signal hingegen sind nicht-invasive Wearables (wie moderne EEG-Kopfhörer), die Gehirnströme im Arbeitsalltag messen. Die ungewöhnliche Gelegenheit liegt im Aufbau eines völlig neuen Marktes für „kognitive Ergonomie“: Systeme, die nicht unsere physische Haltung korrigieren, sondern Überlastung erkennen, bevor sie zum Burnout führt, oder digitale Interfaces adaptieren, wenn unser Fokus sinkt. Ein Markt, der heute noch wie Science-Fiction wirkt, morgen aber zur Standardausstattung gehören könnte.

Hinter all diesen Entwicklungen steht dieselbe Wahrheit: Es gibt immer einen Moment, in dem frühe Handlungen den Unterschied machen – nicht das Abwarten. Dieser Moment ist jetzt. Denn auch scheinbar „alte“ Basis-Innovationen und reife Märkte lassen sich durch neues Handeln jederzeit wieder in ungewöhnliche Gelegenheiten verwandeln. Wer sich an eine solche Disruption hängt – ob alt oder neu –, bevor der Markt sie in ihrer neuen Form vollständig begreift, erarbeitet sich einen strukturellen Vorteil. Nicht weil er klüger war. Sondern weil er handelte.

Das Handwerkszeug der Transformation

Wie aber sieht dieses Handeln in der Praxis aus? Innovation ist kein mystischer kreativer Funke, sondern ein systematischer Prozess. Dew et al. (2006) haben in Sarasvathys Forschungsrahmen (2007) elf konkrete Transformationsstrategien identifiziert, mit denen erfahrene Entrepreneure das Vorhandene umformen.

Diese elf Transformationsstrategien sind das handwerkliche Werkzeug, um aus dem Alltäglichen eine ungewöhnliche Gelegenheit zu erschaffen:

TransformationstrategieBeschreibung
Entfernen / ErgänzenKombinatorischer Vorgang zur Veränderung eines Produkts.
Zusammensetzen / AuflösenReorganisieren durch Neuordnung der Komponenten.
ExaptationTransformieren vorhandener Artefakte durch neue Anwendungen.
ManipulationInvertieren, Spiegeln oder Umdrehen einer Idee (Inside-out).
UmformungBewusstes Neugestalten einer ursprünglichen Idee.
Lokalisierung/ Regionalisierung/ GlobalisierungDen Marktumfang durch Fokus auf kleinere/größere Märkte verändern.
PrototypisierungDie ursprüngliche Instanz als Basis für eine neue nutzen.
StereotypisierungTypische und allgemeine Transformationstypen anwenden.
Ad-hoc-VerbindungVerknüpfung von Vorerfahrungen mit aktuellen Gelegenheiten.
NeugewichtungErhöhung/Verringerung der Bedeutung von Eigenschaften oder Märkten.
NeuordnungÄndern der Reihenfolge von Produkteigenschaften oder Marktkomponenten.
11 Transformationsstrategien erfahrener Entrepreneure nach Dew et al. (2006), in Sarasvathy (2007).

Jede dieser Strategien ist eine Einladung, nicht auf die nächste globale Erfindung zu warten, sondern das Material, das heute schon auf dem Tisch liegt, neu zu konfigurieren und zu nutzen. Im Urban-Mining-Beispiel wirken vor allem Exaptation (Gebäude als Rohstofflager), Zusammensetzen/Auflösen (Lego-Logik) und Neugewichtung (Entsorgung wird zu Wert) — oft gleichzeitig und in der Praxis nicht immer leicht unterscheidbar.

Erkennen durch Handeln als Signalschleife

Erkennen oder erschaffen — das war die Ausgangsfrage. Die Antwort ist weder das eine noch das andere. Es ist eine Schleife.

Wer handelt, erzeugt Information. Jede Handlung — ein Gespräch, ein Prototyp, ein kleiner Markttest — produziert Signal. Dieses Signal filtert man: Was trägt? Was ist Noise? Das Unerwartete, das dabei auftaucht, ist keine Störung. Es ist der Rohstoff für die nächste Handlung.

Jason Fried formuliert es als direkte Handlungsaufforderung: Hör auf zu reden, fang an zu arbeiten. Nate Silver zeigt, wie besseres Filtern zu besseren Entscheidungen führt. Sarasvathy fasst es als empirischen Befund: Die Zukunft wird durch Handeln gestaltet — nicht durch Vorhersage. Zusammen ergibt sich die effectuale Signalschleife.2

Handeln  Signal erkennen ▷ filtern ▷ erneut handeln

Eric Ries nennt dasselbe im Lean-Startup-Kontext Build-Measure-Learn — eine andere Sprache für dieselbe Logik. Sarasvathy nennt die Steuerungslogik dahinter Pilot in the Plane: nicht als Passagier auf einer vorgezeichneten Route, sondern als Pilot, der Richtung und Ziel durch Handeln ko-kreiert. Die effectuale Signalschleife ist der Mechanismus, mit dem dieser Pilot navigiert.

Wer nur beobachtet und filtert, erzeugt kein Signal. Wer nur handelt ohne zu filtern, verliert sich im eigenen Noise. Die Gelegenheit entsteht im Wechselspiel.

Vision ist nicht genug

Simon Sinek popularisiert in einem seiner Videos ein Zitat, das Thomas Edison zugeschrieben wird: "Vision without execution is hallucination."

"Eine Vision ohne Realisierung ist eine Halluzination."

Saras Sarasvathy, Kognitionsforscherin an der Darden School of Business, hat das empirisch untersucht. Sie befragte erfahrene Unternehmer — im Schnitt fünfzehn Jahre Gründungserfahrung — und fand: Diese Menschen denken anders als klassische Manager. Sie starten nicht mit einem Ziel und suchen dann Mittel (Causation). Sie starten mit dem, was sie haben, das sogenannte Bird-in-Hand-Prinzip: Wer bin ich? Was kann ich? Wen kenne ich? Sie setzen um.

Und: Sie behandeln das Unerwartete nicht als Störung, sondern als Rohmaterial. Das sogenannte Lemonade-Prinzip — wenn das Unerwartete eintritt, mach Limonade daraus.

Gelegenheiten entstehen nicht vor dem Handeln. Sie entstehen durch Handeln.

Inspiring Innovation

Wir leben nicht in einem Zeitalter der Knappheit. Wir haben mehr Informationen, mehr Möglichkeiten, mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor. Was fehlt, ist nicht mehr Wissen — es ist Inspiration.

Inspiration ist etwas anderes als Vorstellungskraft. Vorstellungskraft entwirft Welten. Inspiration bringt einen in Bewegung. Inspiration ist auch ein Filterprozess, das Herausarbeiten des persönlichen Signals aus dem Rauschen der Möglichkeiten. Man muss kein Erfinder sein, um inspiriert zu handeln. Was es braucht, sind Wegpunkte: kleine Wetten auf die Zukunft, iterative Ziele, die Richtung geben ohne den Ausgang festzulegen. Einfach in Bewegung bleiben.

Das ist Effectuation in der Praxis. Der leistbare Verlust (affordable loss) ersetzt das klassische Risikokalkül: Nicht "Was kann ich gewinnen?", sondern "Was kann ich einsetzen, ohne dass es mich ruiniert?" Kleiner Einsatz. Konkreter Schritt. Und dann schauen, was sichtbar wird.

Menschen — das Herzstück

Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmer. Es gilt für Organisationen genauso.

Die Mitarbeiter sind das Herzstück jeder innovationsorientierten Struktur — in Unternehmen, in sozialen Gruppen, in jeder Art von Organisation. Menschen, die in guten Prozessen Nutzen für andere Menschen schaffen.

Erfolgreiche Unternehmen verankern dafür vier Dinge in ihrer Struktur:

  • Klare Kommunikationswege, die Unternehmensleitung direkt mit Projektteams verbinden
  • Die Fähigkeit, neue Chancen bei Kunden und Märkten zu erkennen und zu nutzen
  • Eine enge Verbindung zu einer lernenden Organisation
  • Eine Kultur, die Ideen fördert und aus Fehlern lernt statt sie zu bestrafen

Innovation ist keine Führungsaufgabe. Sie ist eine gesamtorganisationale Anstrengung — unabhängig von Titel oder Funktion.

Sarasvathys Crazy-Quilt-Prinzip beschreibt, wie Gelegenheiten durch Kooperationen entstehen, die niemand geplant hat. Man zeigt jemandem eine Idee. Der bringt jemand anderen dazu. Plötzlich entsteht etwas, das keiner alleine hätte bauen können.

Aktiv gestalten

Der Wandel, den wir gerade erleben, ist nicht rein technologisch. Er verändert, wie Menschen denken — und damit, wie sie handeln. Er wird durch das Internet, soziale Medien und KI getrieben — und, ja, auch gehyped. Aber er ist auch das Ergebnis davon, wie wir uns selbst organisieren. Er betrifft alle Branchen, alle Arbeitsplätze, alle Lebensbereiche.

Die Menschen, die in diesem Wandel ungewöhnliche Gelegenheiten nutzen werden, sind nicht jene mit den besten Titeln oder den "richtigen" Abschlüssen. Es sind jene, die handeln, lernen, andere einbeziehen — und das Unerwartete als Einladung begreifen.

Mao Zedong rief 1956 dazu auf, hundert Blumen blühen zu lassen — und ließ anschließend jene verhaften, die sich geäußert hatten. Guy Kawasaki hat daraus ein Innovationsprinzip gemacht: "Let 100 flowers blossom." Innovation verdient mehr davon: "Lasst 1.000 Blumen blühen."

Lasst 1.000 Blumen blühen.

Je mehr Handlungen, desto mehr Ideen, desto mehr Gelegenheiten. Handlungen ohne Fokus erzeugen aber nur mehr Noise.

Handlungen brauchen Fokus. Jason Fried und Nate Silver stellen dieselbe Frage auf unterschiedliche Weise: Was ist Signal, was ist Noise? Die Antwort findet man nicht durch mehr Lesen, mehr Suchen, mehr Analysieren. Sie findet sich im Tun — und in der Bereitschaft, Dinge bewusst wegzulassen.

Welche Information in Ihrem Umfeld ist gerade Signal — und was davon haben Sie bisher für Noise gehalten? Welche konkrete Handlung könnte daraus eine ungewöhnliche Gelegenheit entstehen lassen? Eine, die Sie heute noch machen können.


  1. Dieses Titelbild wurde mithilfe generativer KI erstellt und anschließend manuell ausgewählt bzw. bearbeitet. Es dient als symbolische Visualisierung der Themen Innovation, Signal vs. Noise und Mut zum Handeln im Kontext dieses Artikels. Es zeigt keine realen Personen, Orte oder Ereignisse. ↩︎
  2. Die effectuale Signalschleife ist kein neues Modell. Sie ist eine Synthese: Sarasvathys Prozessstruktur ergänzt um Signal vs. Noise als Filterprinzip — jene Filterlogik, die Sarasvathys Modell impliziert, aber nicht explizit benennt. Sarasvathy beschreibt die Struktur. Fried und Silver beschreiben das Filtern. Das Ergebnis ist eine unternehmerische Handlungs-Signal-Schleife ↩︎

Ziele und Zukunft

Im sportlichen Wettkampf ist das "Ziel" die andere Mannschaft, den Gegner, die Zeit auch sich selbst nach den für die jeweilige Sportart gültigen Regeln zu dominieren und zu besiegen. Ein "Ziel" ist auch ein Punkt oder Ort bis zu dem jemand kommen will, den jemand in der Zukunft erreichen will, eben “das Ziel einer Reise” (Oxford Languages, abgefragt am 27.03.2021).

Etymologisch betrachtet ist ein Ziel ein festgesetzter (angestrebter) örtlicher oder zeitlicher Endpunkt, ein erstrebter Zustand, schlichtweg eine Absicht. Gleichzeitig geht es darum sich zu bemühen und anzustrengen und beharrlich ein Ziel anzustreben. Dafür nötig ist nicht nur ein Ziel und ein guter Plan, sondern auch ein "entsprechendes („zielorientiertes“) intelligentes Verhalten" (Wikipedia, abgefragt am 27.03.2021).

Eine kurze Geschichte über Ziele, Planung und eine Zukunft die so gar nicht mitmachen will, aber kein Aufruf zur Ziel- und Planlosigkeit.

Menschen und Organisationen brauchen Ziele und um diese zu erreichen werden Pläne geschmiedet. Das geht solange gut, solange die Zukunft vorhersagbar und planbar ist. Damit ist dies eine kurze Geschichte über Ziele, Planung und eine Zukunft die so gar nicht mitmachen will, aber kein Aufruf zur Ziel- und Planlosigkeit!

Ziele und Zukunft!

Tatsächlich können Ziele motivieren, unter- oder überfordern, magnetisieren … Sie geben Richtung hin zu einem gewünschten und hoffentlich besseren Idealzustand, einer ideellen Zukunft … Ziele entsprechen jedoch auch immer einem bestimmten Gedanken- oder Managementmodell und dienen meist denjenigen, die diese erschaffen. Ziele strukturieren auch das Bekannte und bringen im besten Fall die Masse, die Horde oder die organisierte Gruppe zum Handeln und das Individuum zu Spitzenleistungen in einem definiertem Spektrum oder im schlimmsten Fall zum Moment der Selbstausbeutung .

Sie beruhen meist auf vergangenen Erfahrungen, Ergebnissen und oft auch auf Wünschen und Träumen anderer. Sie ergeben sich nicht immer durch Vernunft oder Zweckmässigkeit, sondern aus einer bestehenden Struktur, einem Machtfeld und Netzwerkinteressen. Per se nichts schlechtes, sondern auch in der Natur der Sache liegend.

Um Ziele zu erreichen und die Vorgaben an sich selbst oder durch andere zu erfüllen, setzt man klare und SMARTE Ziele. Dadurch kann man klar und präzise ableiten, welche Ressourcen man brauchen wird um das Ziel zu erreichen. Sie erlauben dadurch nun auch Ressourcen zu beanspruchen und zu beschaffen. Man schmiedet Pläne, die den Bedarf untermauern.

Mit Methoden wie MbO (Management by Objectives), MbR (Management by Results) … versucht man das auf die kleinste Einheit in Gemeinschaft und Organisationen herunterzubrechen, den Mensch und sein Handeln. Eine besonders effiziente und effektive Umsetzung ist dabei natürlich der Goldstandard von gewünschtem Ergebnis, Ziel, Planung und tatsächlichem Ergebnis.

Ziele markieren einen Punkt in der Zukunft, der aus einem längst vergangenem Ereignis entstanden oder auf einer Wettkampfstrecke nach bestimmten Regeln zu finden ist.

Die Zielerreichung und Zielsysteme werden aus-optimiert und auch das geht immer besser und noch weiter ins Detail. So kann man weitere Management-Methoden erfinden oder kombinieren und sie z. B. an neue Arbeits- und Organisationsformen anpassen und zu OKRs (Objective and Key Results) machen. Trotzdem bleiben sie die kurzfristigste Einheit im wirtschaftlichen Geschehen und des menschlichen Handelns und markieren einen Punkt in der Zukunft, der aus einem längst vergangenem Ereignis entstanden ist oder auf einer Wettkampfstrecke nach bestimmten Regeln zu finden ist.

Spannend dabei ist zu wissen das MbO (Peter Drucker) ein Konzept der 1950er Jahre ist und MbR eines der 1960er Jahre ist. OKRs sind dabei noch ein fast junges Konzept aus den 1990er Jahren, wo sie zuerst bei Intel (mit dem Legendären Andrew Grove) in Anlehnung an das MbO und SMART Konzept eingeführt wurden und dann durch Google und Silicon Valley langsam eine breitere Aufmerksamkeit erfahren und natürlich in manchen Bereichen gehyped werden. Also alles Konzepte einer scheinbar planbaren, aber dem Zugeständnis, dass die Welt mit der Zeit und mit einer zunehmenden Komplexität immer ungewisser. Eine Ungewissheit die immer da war, aber dem Glück und Zufall oder dem Unglück und Pech zugeschrieben wurde - dem Unkontrollierbaren.

In einer einfach konstruierten und vorhersehbaren Welt sind das natürlich hilfreiche Methoden und Werkzeuge. In großen Organisationen helfen sie auch nach wie vor zu strukturieren und zu ordnen - in einer kausalen Welt bis zum Ziel oder auf Sicht, die unterschiedlich weit sein kann, sind sie dabei besonders wirksam.

"Alle Wege führen nach Rom ..." und viele Pfade zu wunderbaren Orten.

frei nach Fettes Brot (Künstler)

Doch oft ist die Reise das Glück und nicht das Ziel. Die Reise war oft anders geplant und das Ziel im Reisebüro war noch klar. Doch durch die Umstände und die Erfahrung der tatsächlichen Reise hält der Plan nicht lange. Selbst bei Pauschal-Reisen, den MbOs und MbRs der Reisebranche, kann ein kleiner Virus alles verändern. Die Sehnsucht und Vorstellungskraft der Menschen jedoch nicht. In diesem Sinne führen viele Wege nach Rom und viele Pfade zu wunderbaren Orten.

Insofern sind Ziele eine Wette auf die Zukunft und beleihen diese mit den verfügbaren und meist knappen Mitteln von heute. Diese Mittel mögen in der Zukunft dann vielleicht fehlen, weil sie falsch eingesetzt sind, verwettet wurden und Menschen und Organisationen oft zu träge sind, dies rasch zu erkennen und zu verändern.

Den leistbaren Verlust dabei im Vorhinein zu kennen und sich bewußt zu machen hilft dabei ungemein. Dabei muss man den leistbaren Verlust für sich so wählen, dass das Risiko bei eintreten des Verlustes gut zu tragen und zu überleben ist. Auf diesem Level kann man dann gut sich bietende Chancen nutzen und erweitern. Wie bei jedem erfolgreichem Training wird der Verlustmuskel stärker und das Leistbare größer, damit aber auch die potentiel nutzbaren Chancen größer. Kreativität ist dabei gefragt und kein Risikomanagement. Dieses Thema ist sicher einen eigenen Artikel wert.

Ziele selbst sind auch Mittel um besonders wirksam zu sein und neue Mittel zu schaffen. Allerdings meist dann, wenn sie sich nicht durch die Vorgabe aus der Vergangenheit formen, sondern aus der Vorstellung, einer Kooperation, einer Zusage und dem menschlichen Handeln … also im Tun des leitbaren Verlustes. In Folge ist das menschliche Denken und Handeln die Standard-Einheit zwischen dem Ausgangspunkt des Jetzt und dem Prozess neue Mittel zu erschaffen um letztendlich eine neue Idee in die Welt zu bringen und umzusetzen - dem Morgen.

Wie kommt das Neue in die Welt, wie gestalten wir die Zukunft und bleiben das Ureigenste das wir sind – ein Mensch.

Effectuation als eine Methode des unternehmerischen und menschlichen Denken und Handelns, zeigt alternative Wege auf, so daß die Zukunft nicht mehr kontrolliert werden muss, sondern gestaltet werden kann. Hier begann die Reise 2006 mit meinem ersten Kontakt zur praktischen und empirischen Entrepreneurship-Forschung durch Prof. Robert Hisrich und Prof. Dietmar Grichnik an der Donau-Universität Krems, 2008 am Max Plank Institut in Jena und dem persönlichem Erleben wie Saras Sarasvathy ihre Forschungserkenntnisse auch aus ihrer eigenen praktischen unternehmerischen Erfahrung und mit ihrem Doktor-Vater Herbert Simon definierte, 2010 mit meinem von der Österreichischen Marketing-Gesellschaft veröffentlichtem ersten deutschsprachigem Buch “Effectuation – Unternehmergeist denkt anders!” (Echomedia Verlag) und vielen weiteren spannenden Kontakten und Workshops zum Themen Effectuation, Innovation und Kreativität.

Dabei ist eine Sache immer im Zentrum: Wie kommt das Neue in die Welt, wie gestalten wir die Zukunft und bleiben das Ureigenste das wir sind – ein Mensch. Hier soll die Reise weitergehen.

Hartnäckige Mythen des Unternehmertums

Im Karriere-Teil der österreichischen Tageszeitung "Die Presse" (vom 16.02.2013) findet sich ein spannendes Interview mit Prof. Dietmar Grichnik. Prof. Grichnik ist Ordinarius für Entrepreneurship und Direktor des Institutes für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen. In dem Interview spricht er über Gründungstrends und die Gründungslandschaft in der Schweiz und in Österreich. Neben dem Trend zu Nebenerwerbsgründungen geht Prof. Grichnik auch auf die unternehmerische Methode (Effectuation) ein: "Entrepreneurship lernt man am besten durch Erfahrung ... Unternehmertum ist Verhalten und Tun". Dieser Ansatz ist nicht nur für Unternehmensgründer von hohem Interesse, sondern auch eine wunderbare Ergänzung der Management-Disziplinen und lernbar.

Passend dazu hat Prof. Grichnik ein YouTube-Video zum Thema "Die 10 Mythen des Unternehmertums" veröffentlicht, welches wunderbar zeigt, dass es keine Super-Entrepreneure, nicht das große Geld oder die große Idee braucht um mit der unternehmerischen Methode die Welt zu gestalten.

Wer "effectual" sein will, setzt seinen leistbaren Verlust und investiert zusätzliche 10 Minuten um sich das Video anzusehen, in dem mit den Mythen des Unternehmertums aufgeräumt wird und die Effectuation Grundlagen erklärt werden.

Gegner oder Partner gesucht!

Phil Libin – Gründer und CEO des erstklassigen Web-Dienstes Evernote – spricht allen Effecuatoren aus dem Herzen. In einem Interview für die Neue Züricher Zeit (NZZ) erklärt er, warum er über den Wettbewerb nicht nachdenkt und warum ein Wettbewerber auch ein Parnter sein kann.

Im Allgemeinen denken wir nicht viel über den Wettbewerb nach. Ich habe vor meinem Unternehmen in vielleicht zehn Firmen gearbeitet – einige davon hatte ich gegründet – und jedes Mal hatten wir so etwas wie einen Erzfeind, einen Mitbewerber, den wir scharf beobachtet haben und mit dem wir uns im sehr stark in den Wettbewerb begaben. Und in zehn von zehn Fällen war das im Grunde genommen völlig egal. Diejenigen, auf die wir uns konzentrierten, hatten langfristig gesehen keinerlei Einfluss auf unseren Erfolg oder unser Scheitern. Das war abhängig von anderen Faktoren oder anderen Akteuren. Bei Evernote gehen wir davon aus, dass es keinen Sinn hat und Zeitverschwendung ist, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was andere Leute machen. Wir müssen uns keine Sorgen darüber machen, dass uns jemand im Preis schlägt, denn unser Produkt ist in der Basisversion gratis. Wir müssen uns keine Sorgen darum machen, dass jemand anderes ein besseres Distributionssystem hat, da wir schon überall auf der Welt sind. Und wir müssen uns auch keine Sorgen darum machen, dass jemand eine bessere Werbestrategie hat, weil dieser Faktor immer bedeutungsloser wird.

Das Einzige, was uns bedrohen kann, ist, wenn jemand mit einem deutlich besseren Produkt auftaucht. Und die beste Verteidigung dagegen ist, einfach selbst mit diesem besseren Produkt anzutreten. Das schafft man aber nicht, wenn man Tag und Nacht darauf schaut, was die anderen machen, sondern wenn man sich auf sein eigenes Produkt konzentriert. Geschäfte sind kein Nullsummenspiel. Sie sind kein Sport, kein Boxmatch, in dem es heisst: »Damit ich gewinnen kann, musst du verlieren.« Es ist eher ein »Wie können wir zusammen etwas Cooles produzieren?« All die grossen Unternehmen, mit denen wir zusammen arbeiten – Facebook, Apple, Google, Microsoft – haben Konkurrenzprodukte und wir können trotzdem Partner sein. Es wäre eine ganz schön traurige Welt, in der man jeden Morgen aufwacht und nach Gegnern sucht. Also suchen wir nach Partnern.

via NZZ.ch

Das MacGyver-Prinzip: Nutzen, was zur Hand ist!

Schweizer Messer und Klebeband durften nie fehlen, eine Büroklammer musste auch schon mal zum Entschärfen einer Bombe herhalten und ein Kaugummipapier zum Reparieren eines Atomkraftwerks. Wer kann sich nicht an den TV-Helden der 80er Jahre – MacGyver – erinnern?

Mit guten Physik- und Chemiekenntnissen und seinem Einfallsreichtum ausgestattet, entkam er bis in die 90er Jahre mehr als einer brenzligen Situation pro Episode. Durch den kreativen Einsatz vermeintlicher Alltagsgegenstände die gerade zur Hand waren, konnte er sich und seinen Freunden regelmäßig das Serien-Leben retten – mit einfachsten aber sehr wirksamen Mitteln.

Genau deshalb – egal ob Sie ein Start-Up aufbauen oder eine kleine Firma managen – sollte man sich in brenzligen Situationen schon mal fragen, was würde wohl MacGyver tun!?

Es wird immer jemanden geben, der über die besseren Ressourcen (Geld, Zeit, …) verfügt oder schlichtweg smarter als man selbst ist. Deshalb ist es so wichtig scheinbar unlösbare Probleme mit den Mitteln die einem zur Verfügung stehen, Kreativität und der richtigen Einstellung es zu schaffen, anzupacken. Ein Weg um sich als „Underdog“ zu behaupten – denken wie MacGyver.

Oder noch besser: Denken wie ein Effectuator!