Zukunft, selbst gemacht!

Die "Kleine Zeitung" stellt in Ihrer Ausgabe vom 26. Juli 2010 das Buch von Marcus Ambrosch "Effectuation - Unternehmergeist denkt anders!" vor. Effectuation ist das Mittel der Wahl, wenn die klassische Managementlogik an seine Grenzen stößt.

 

„Spezialisierung ist für Insekten“

Was Heinlein und Sarasvathy gemeinsam haben — ohne es zu wissen und es ist nicht deren Weltsicht. Was steckt hinter dieser "Provokation"?

Robert A. Heinlein war Offizier, Ingenieur und Science-Fiction-Autor. Einer, der über Raumschiffe schrieb und dabei über Menschen nachdachte. In seinem Roman Time Enough for Love (1973) lässt er die Figur Lazarus Long einen langen Satz sprechen, der in englischsprachigen Blogs, auf Goodreads und Reddit seit Jahren immer wieder auftaucht:

„A human being should be able to change a diaper, plan an invasion, butcher a hog, conn a ship, design a building, write a sonnet, balance accounts, build a wall, set a bone, comfort the dying, take orders, give orders, cooperate, act alone, solve equations, analyze a new problem, pitch manure, program a computer, cook a tasty meal, fight efficiently, and die gallantly. Specialization is for insects."

Das klingt nach Provokation. Es ist auch eine.

Aber man sollte kurz innehalten: Das ist die Liste eines Mannes, der in seinem langen Leben fast alles selbst war — Soldat, Bauer, Arzt, Betrüger, Priester. Lazarus Long ist keine literarische Konstruktion, er ist das Argument. Heinlein beweist die These mit der Figur, nicht nur mit dem Satz.

Trotzdem. Die Liste ist martialisch: „Plan an invasion", „fight efficiently", „die gallantly". Heinlein schreibt aus einer sehr spezifischen Weltsicht — aus dem rauen, selbst gemachten Amerika, aus einer Welt, in der man sich selbst zu helfen hatte. Wild West. Offizierskaserne. Pioniergeist.

Was Sarasvathy dazu sagen würde

Saras Sarasvathy hat in den frühen 2000er-Jahren etwas beobachtet, das sich nicht in die gängige Entrepreneurship-Theorie fügte: Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer denken nicht kausal. Sie starten nicht mit einem Ziel und suchen dann die Mittel. Sie starten mit den Mitteln — und schauen, welche Ziele sich daraus ergeben.

Sie nannte das Effectuation. Die erste Frage lautet nicht „Was will ich erreichen?" sondern „Was habe ich?"

Was man hat: Wissen. Können. Netzwerk. Erfahrungen, die quer durch Branchen und Lebensphasen gehen.

Heinleins Liste liest sich, von hier aus betrachtet, wie ein Mittelinventar. Nicht als Anforderungsprofil für den Alleskönner — sondern als Beschreibung einer Person, die in vielen Kontexten anschlussfähig ist. Die mit Bauern reden kann und mit Chirurgen. Die einen Satz schreibt und eine Kalkulation versteht. In der Effectuation-Sprache: ein breites Mittelset.

Das ist kein Argument gegen Tiefe

Heinlein sagt nicht, dass man alles gleich gut können soll. Das wäre absurd — und er war kein abstruser Denker. Er sagt, dass ein Mensch in der Lage sein sollte, sich zu bewegen. Zwischen Kontexten. Zwischen Rollen. Zwischen Problemen.

Das Gegenbild ist nicht der Dilettant. Es ist der Mensch, der ein Problem nicht mal erkennt, weil es außerhalb seines Fachgebiets liegt.

Ich habe das in Organisationen erlebt: brillante Fachleute, die nicht miteinander sprechen konnten, weil sie keine gemeinsame Sprache hatten — nicht einmal eine metaphorische. Der Finanzmensch verstand die Produktlogik nicht. Die Technikerin verstand den Kunden nicht. Alle sehr gut. Und gemeinsam kamen sie nicht weiter.

Spezialisierung als persönliches Risiko

Es gibt noch einen Blickwinkel, der selten genannt wird: Spezialisierung ist für den Einzelnen auch ein Risiko. Für Märkte und Arbeitsteilung mag sie produktiv sein. Für die Person, die alles auf eine Nische setzt — Wissen, Reputation, Netzwerk — wird sie zur Verwundbarkeit. Wenn diese Nische wegfällt, fällt man mit.

Wer sein gesamtes Kapital in eine Richtung investiert, wettet auf eine Möglichkeit. Ein breites Mittelset verteilt. Das ist keine Absicherungsstrategie — es ist eine andere Art, die Zukunft zu denken.

Tiefes Können in mindestens einem Bereich bleibt Voraussetzung. Sonst bleibt man überall Oberfläche. Aber die Frage ist, was drumherum ist.

Was bleibt offen

Heinlein hat die Liste 1973 geschrieben. Seitdem ist die Spezialisierungsdoktrin nicht kleiner geworden. Studienstrukturen, Berufsbilder, algorithmische Karriereberatung — alles optimiert auf die Nische.

Vielleicht ist das richtig. Vielleicht brauchen Märkte genau das.

Aber was braucht ein Mensch?

Und was passiert mit dem Wissen, das zwischen den Nischen liegt — das keiner Disziplin gehört, das sich keiner Metrik fügt?

Nicolas Hayek ist Tod!

Der schweizer Parade-Unternehmer und Begründer der Swatch-Group und „Retter“ der schweizer Uhrenindustrie, Nicholas Hayek, starb gestern im Alter von 82 Jahren (Nachruf im schweizer Tagesanzeiger). Die letzte unternehmerische Initiative im Bereich alternativer und erneuerbarer Energieträger kann der Unternehmer-Rebell nicht mehr persönlich vollenden.

Sehen Sie in einem Interview vom Jänner 2010 durch die NZZ-Journalisten Markus Spillmann und Marco Färber eine spannende Diskussion, warum Nicolas Hayek meint: „Unternehmer sind Künstler!“ – ein wunderbares Effectuation-Beispiel.

Hier noch ein Link zu einem Cicereo Interview (via Ritchie Blogfried Pettauer): „Zu viele Gauner und Betrüger„.

Was sagt der „alte Meister“ über Effectuation?

Der „alte Meister“ war Laozi (老子) – Start-Up-Gründer des Taoismus – und er meint:

A good traveler has no fixed plans and is not intent on arriving.

Ein Prinzip, dass man auch auf Effectuation anwenden kann. Es geht um die Haltung mit Überraschungen und Unerwartetem umgehen zu können, den Unternehmergeist und die positive Einstellung zum Reisen!

Laozi

Leseprobe zum Buch

Das  Buch „Effectuation – Unternehmergeist denkt anders!“ ist mittlerweile seit Februar im Buchhandel erhältlich. Der Verlag stellt nun auch eine kleine Leseprobe zur Verfügung.

65_effectuation_ambrosch.pdf
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