Ungewöhnliche Gelegenheiten – erkennen oder erschaffen?

Über Innovation, Signale und den Mut zu handeln. Wir haben mehr Informationen als je zuvor. Und trotzdem tun sich die meisten Menschen schwer, das Wichtige darin zu finden. Das ist kein Paradox — es ist ein Hinweis darauf, wo das eigentliche Problem liegt. Es liegt nicht im Erkennen. Es liegt im Handeln.

mit generativer KI erstellt1

Jason Fried hatte seinem ursprünglichen Basecamp-Blog den Namen "Signal v. Noise" gegeben — nicht zufällig. Nate Silver hat dasselbe Problem 2012 in dem Buch "The Signal and the Noise" aus der Datenperspektive beschrieben: In einer Welt voller Daten ist die Fähigkeit, das Relevante vom Rauschen zu trennen, die eigentliche Kompetenz. Für Innovation gilt dasselbe. Wer nach ungewöhnlichen Gelegenheiten sucht, findet sie nicht durch mehr Suchen, sondern durch besseres Filtern, aber vor allem durch eigenes Handeln.

Innovation ist nicht Kreativität

Peter Drucker hat Innovation präzise vom kreativen Akt getrennt. In "Innovation and Entrepreneurship" (1985) beschreibt er den innovativen Unternehmer als jemanden, der systematisch nach neuen Wissensquellen, neuen Erfahrungen, neuem Kundenverständnis und technologischem Wandel sucht. Das Ziel ist nicht, neue Dinge zu erfinden. Das Ziel ist, ungewöhnliche Gelegenheiten zu erkennen — und sie für den Kundennutzen umzusetzen.

Noch radikaler formulierte es Joseph Schumpeter (1943): Unternehmerisches Handeln ist "schöpferische Zerstörung" — es vernichtet das Alte, um Raum für das Neue zu schaffen. Disruptive Innovationen tun genau das. Sie verändern Märkte und Strukturen von Grund auf.

Saras Sarasvathys Effectuation-Forschung bestätigt das empirisch: Erfahrene Unternehmer warten nicht auf den kreativen Einfall. Sie starten mit dem, was sie haben — und handeln.

Radikale Innovationen im Fokus

Innovation sucht nicht nur das Neue — sie sucht das Einzigartige. Sie ist eine frische Perspektive auf alte Probleme, kombiniert mit der Fähigkeit, Wissen auf neue Weise anzuwenden.

Das Ziel besteht nicht immer darin, etwas zu erfinden!

Oft steht hinter diesem Wandel eine technologische oder wissenschaftliche Grundlage — aber erst der unternehmerische Schritt macht aus einer bloßen Idee oder Technik echten Wert. Künstliche Intelligenz ist dafür gerade das stärkste Beispiel. Die Modelle sind lediglich die technologische Grundlage. Was daraus entsteht, hängt davon ab, wer früh genug handelt, um Gelegenheiten zu gestalten — statt nur zu beobachten. Die Technologie selbst ist Signal. Vieles, was in der Theorie darüber geschrieben wird, ist Noise.

Zwei Wege zur ungewöhnlichen Gelegenheit

Eine ungewöhnliche Gelegenheit ist etwas, das im normalen Verlauf der Geschichte nur selten vorkommt. Eine unerwartete Möglichkeit, die einen Durchbruch oder eine radikale Marktveränderung mit sich bringen kann. Sie ist oft lebensverändernd, und trotzdem fast immer das Ergebnis von etwas, das niemand geplant hat.

Statt rückblickend auf längst etablierte Erfolge wie Smartphones oder Cloud-Computing zu schauen, lohnt sich der Blick auf das Hier und Jetzt. Echte ungewöhnliche Gelegenheiten lassen sich heute in zwei unterschiedlichen Wegen erschaffen: in der Rekombination des Etablierten und in der Pionierarbeit am radikal Neuen.

Rekombination: Alte Fundamente, neue Handlungsräume

Hier existiert der Markt bereits seit Jahrzehnten. Das Rauschen (Noise) ist der Versuch, alte Systeme mit traditionellen Methoden nur minimal effizienter zu machen. Das Signal entsteht, wenn neue Logiken bestehende Strukturen von Grund auf umbauen.

Vom Abriss zum „Urban Mining“: Die Bauindustrie ist eines der ältesten Fundamente der Wirtschaft. Das Rauschen ist der Versuch, Gebäude mit neuen Dämmstoffen minimal klimafreundlicher zu machen. Das Signal – und die ungewöhnliche Gelegenheit – ist die radikale Neudefinition von Immobilien als Rohstofflager. Wer heute mit digitalen Materialpässen arbeitet und Gebäude so konzipiert, dass sie am Ende ihrer Lebensdauer wie Lego-Steine zerlegt und weiterverkauft werden können, verwandelt die Entsorgungslogik der Baubranche in ein hochprofitables Kreislauf-Geschäftsmodell.

Pioniermärkte: Neue Basis-Disruptionen

Hier stehen wir am absoluten Anfang der Entwicklung. Das Rauschen ist die mediale Euphorie oder Panik. Die Gelegenheit gehört jenen, die mit begrenztem Risiko handeln, bevor ein Marktkonsens existiert.

Neurotechnologie und kognitive Ergonomie: Das Rauschen sind dystopische Cyborg-Fantasien und chirurgische Gehirn-Implantate der Tech-Milliardäre. Das Signal hingegen sind nicht-invasive Wearables (wie moderne EEG-Kopfhörer), die Gehirnströme im Arbeitsalltag messen. Die ungewöhnliche Gelegenheit liegt im Aufbau eines völlig neuen Marktes für „kognitive Ergonomie“: Systeme, die nicht unsere physische Haltung korrigieren, sondern Überlastung erkennen, bevor sie zum Burnout führt, oder digitale Interfaces adaptieren, wenn unser Fokus sinkt. Ein Markt, der heute noch wie Science-Fiction wirkt, morgen aber zur Standardausstattung gehören könnte.

Hinter all diesen Entwicklungen steht dieselbe Wahrheit: Es gibt immer einen Moment, in dem frühe Handlungen den Unterschied machen – nicht das Abwarten. Dieser Moment ist jetzt. Denn auch scheinbar „alte“ Basis-Innovationen und reife Märkte lassen sich durch neues Handeln jederzeit wieder in ungewöhnliche Gelegenheiten verwandeln. Wer sich an eine solche Disruption hängt – ob alt oder neu –, bevor der Markt sie in ihrer neuen Form vollständig begreift, erarbeitet sich einen strukturellen Vorteil. Nicht weil er klüger war. Sondern weil er handelte.

Das Handwerkszeug der Transformation

Wie aber sieht dieses Handeln in der Praxis aus? Innovation ist kein mystischer kreativer Funke, sondern ein systematischer Prozess. Dew et al. (2006) haben in Sarasvathys Forschungsrahmen (2007) elf konkrete Transformationsstrategien identifiziert, mit denen erfahrene Entrepreneure das Vorhandene umformen.

Diese elf Transformationsstrategien sind das handwerkliche Werkzeug, um aus dem Alltäglichen eine ungewöhnliche Gelegenheit zu erschaffen:

TransformationstrategieBeschreibung
Entfernen / ErgänzenKombinatorischer Vorgang zur Veränderung eines Produkts.
Zusammensetzen / AuflösenReorganisieren durch Neuordnung der Komponenten.
ExaptationTransformieren vorhandener Artefakte durch neue Anwendungen.
ManipulationInvertieren, Spiegeln oder Umdrehen einer Idee (Inside-out).
UmformungBewusstes Neugestalten einer ursprünglichen Idee.
Lokalisierung/ Regionalisierung/ GlobalisierungDen Marktumfang durch Fokus auf kleinere/größere Märkte verändern.
PrototypisierungDie ursprüngliche Instanz als Basis für eine neue nutzen.
StereotypisierungTypische und allgemeine Transformationstypen anwenden.
Ad-hoc-VerbindungVerknüpfung von Vorerfahrungen mit aktuellen Gelegenheiten.
NeugewichtungErhöhung/Verringerung der Bedeutung von Eigenschaften oder Märkten.
NeuordnungÄndern der Reihenfolge von Produkteigenschaften oder Marktkomponenten.
11 Transformationsstrategien erfahrener Entrepreneure nach Dew et al. (2006), in Sarasvathy (2007).

Jede dieser Strategien ist eine Einladung, nicht auf die nächste globale Erfindung zu warten, sondern das Material, das heute schon auf dem Tisch liegt, neu zu konfigurieren und zu nutzen. Im Urban-Mining-Beispiel wirken vor allem Exaptation (Gebäude als Rohstofflager), Zusammensetzen/Auflösen (Lego-Logik) und Neugewichtung (Entsorgung wird zu Wert) — oft gleichzeitig und in der Praxis nicht immer leicht unterscheidbar.

Erkennen durch Handeln als Signalschleife

Erkennen oder erschaffen — das war die Ausgangsfrage. Die Antwort ist weder das eine noch das andere. Es ist eine Schleife.

Wer handelt, erzeugt Information. Jede Handlung — ein Gespräch, ein Prototyp, ein kleiner Markttest — produziert Signal. Dieses Signal filtert man: Was trägt? Was ist Noise? Das Unerwartete, das dabei auftaucht, ist keine Störung. Es ist der Rohstoff für die nächste Handlung.

Jason Fried formuliert es als direkte Handlungsaufforderung: Hör auf zu reden, fang an zu arbeiten. Nate Silver zeigt, wie besseres Filtern zu besseren Entscheidungen führt. Sarasvathy fasst es als empirischen Befund: Die Zukunft wird durch Handeln gestaltet — nicht durch Vorhersage. Zusammen ergibt sich die effectuale Signalschleife.2

Handeln  Signal erkennen ▷ filtern ▷ erneut handeln

Eric Ries nennt dasselbe im Lean-Startup-Kontext Build-Measure-Learn — eine andere Sprache für dieselbe Logik. Sarasvathy nennt die Steuerungslogik dahinter Pilot in the Plane: nicht als Passagier auf einer vorgezeichneten Route, sondern als Pilot, der Richtung und Ziel durch Handeln ko-kreiert. Die effectuale Signalschleife ist der Mechanismus, mit dem dieser Pilot navigiert.

Wer nur beobachtet und filtert, erzeugt kein Signal. Wer nur handelt ohne zu filtern, verliert sich im eigenen Noise. Die Gelegenheit entsteht im Wechselspiel.

Vision ist nicht genug

Simon Sinek popularisiert in einem seiner Videos ein Zitat, das Thomas Edison zugeschrieben wird: "Vision without execution is hallucination."

"Eine Vision ohne Realisierung ist eine Halluzination."

Saras Sarasvathy, Kognitionsforscherin an der Darden School of Business, hat das empirisch untersucht. Sie befragte erfahrene Unternehmer — im Schnitt fünfzehn Jahre Gründungserfahrung — und fand: Diese Menschen denken anders als klassische Manager. Sie starten nicht mit einem Ziel und suchen dann Mittel (Causation). Sie starten mit dem, was sie haben, das sogenannte Bird-in-Hand-Prinzip: Wer bin ich? Was kann ich? Wen kenne ich? Sie setzen um.

Und: Sie behandeln das Unerwartete nicht als Störung, sondern als Rohmaterial. Das sogenannte Lemonade-Prinzip — wenn das Unerwartete eintritt, mach Limonade daraus.

Gelegenheiten entstehen nicht vor dem Handeln. Sie entstehen durch Handeln.

Inspiring Innovation

Wir leben nicht in einem Zeitalter der Knappheit. Wir haben mehr Informationen, mehr Möglichkeiten, mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor. Was fehlt, ist nicht mehr Wissen — es ist Inspiration.

Inspiration ist etwas anderes als Vorstellungskraft. Vorstellungskraft entwirft Welten. Inspiration bringt einen in Bewegung. Inspiration ist auch ein Filterprozess, das Herausarbeiten des persönlichen Signals aus dem Rauschen der Möglichkeiten. Man muss kein Erfinder sein, um inspiriert zu handeln. Was es braucht, sind Wegpunkte: kleine Wetten auf die Zukunft, iterative Ziele, die Richtung geben ohne den Ausgang festzulegen. Einfach in Bewegung bleiben.

Das ist Effectuation in der Praxis. Der leistbare Verlust (affordable loss) ersetzt das klassische Risikokalkül: Nicht "Was kann ich gewinnen?", sondern "Was kann ich einsetzen, ohne dass es mich ruiniert?" Kleiner Einsatz. Konkreter Schritt. Und dann schauen, was sichtbar wird.

Menschen — das Herzstück

Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmer. Es gilt für Organisationen genauso.

Die Mitarbeiter sind das Herzstück jeder innovationsorientierten Struktur — in Unternehmen, in sozialen Gruppen, in jeder Art von Organisation. Menschen, die in guten Prozessen Nutzen für andere Menschen schaffen.

Erfolgreiche Unternehmen verankern dafür vier Dinge in ihrer Struktur:

  • Klare Kommunikationswege, die Unternehmensleitung direkt mit Projektteams verbinden
  • Die Fähigkeit, neue Chancen bei Kunden und Märkten zu erkennen und zu nutzen
  • Eine enge Verbindung zu einer lernenden Organisation
  • Eine Kultur, die Ideen fördert und aus Fehlern lernt statt sie zu bestrafen

Innovation ist keine Führungsaufgabe. Sie ist eine gesamtorganisationale Anstrengung — unabhängig von Titel oder Funktion.

Sarasvathys Crazy-Quilt-Prinzip beschreibt, wie Gelegenheiten durch Kooperationen entstehen, die niemand geplant hat. Man zeigt jemandem eine Idee. Der bringt jemand anderen dazu. Plötzlich entsteht etwas, das keiner alleine hätte bauen können.

Aktiv gestalten

Der Wandel, den wir gerade erleben, ist nicht rein technologisch. Er verändert, wie Menschen denken — und damit, wie sie handeln. Er wird durch das Internet, soziale Medien und KI getrieben — und, ja, auch gehyped. Aber er ist auch das Ergebnis davon, wie wir uns selbst organisieren. Er betrifft alle Branchen, alle Arbeitsplätze, alle Lebensbereiche.

Die Menschen, die in diesem Wandel ungewöhnliche Gelegenheiten nutzen werden, sind nicht jene mit den besten Titeln oder den "richtigen" Abschlüssen. Es sind jene, die handeln, lernen, andere einbeziehen — und das Unerwartete als Einladung begreifen.

Mao Zedong rief 1956 dazu auf, hundert Blumen blühen zu lassen — und ließ anschließend jene verhaften, die sich geäußert hatten. Guy Kawasaki hat daraus ein Innovationsprinzip gemacht: "Let 100 flowers blossom." Innovation verdient mehr davon: "Lasst 1.000 Blumen blühen."

Lasst 1.000 Blumen blühen.

Je mehr Handlungen, desto mehr Ideen, desto mehr Gelegenheiten. Handlungen ohne Fokus erzeugen aber nur mehr Noise.

Handlungen brauchen Fokus. Jason Fried und Nate Silver stellen dieselbe Frage auf unterschiedliche Weise: Was ist Signal, was ist Noise? Die Antwort findet man nicht durch mehr Lesen, mehr Suchen, mehr Analysieren. Sie findet sich im Tun — und in der Bereitschaft, Dinge bewusst wegzulassen.

Welche Information in Ihrem Umfeld ist gerade Signal — und was davon haben Sie bisher für Noise gehalten? Welche konkrete Handlung könnte daraus eine ungewöhnliche Gelegenheit entstehen lassen? Eine, die Sie heute noch machen können.


  1. Dieses Titelbild wurde mithilfe generativer KI erstellt und anschließend manuell ausgewählt bzw. bearbeitet. Es dient als symbolische Visualisierung der Themen Innovation, Signal vs. Noise und Mut zum Handeln im Kontext dieses Artikels. Es zeigt keine realen Personen, Orte oder Ereignisse. ↩︎
  2. Die effectuale Signalschleife ist kein neues Modell. Sie ist eine Synthese: Sarasvathys Prozessstruktur ergänzt um Signal vs. Noise als Filterprinzip — jene Filterlogik, die Sarasvathys Modell impliziert, aber nicht explizit benennt. Sarasvathy beschreibt die Struktur. Fried und Silver beschreiben das Filtern. Das Ergebnis ist eine unternehmerische Handlungs-Signal-Schleife ↩︎

Wir müssen ein System entwickeln, das Unternehmertum fördert …

… und den Unternehmergeist in Vielen weckt. Zum Beispiel durch eine unternehmerische Gesellschaft, Menschen mit erwachendem Unternehmergeist und durch Effectuation!

(von FRANK STRONACH) Wir dürfen Menschen nicht behindern, die bereit sind, unternehmerisches Risiko einzugehen. Sie sind es, die für neue Betriebe und Arbeitsplätze sorgen. In meiner unternehmerischen Laufbahn habe ich sehr hart gearbeitet und viel Zeit und Geld investiert,  um meinen Betrieb aufzubauen. Ich habe dies aber aus Überzeugung getan, um meine Firma erfolgreich zu machen und wirtschaftlich unabhängig zu sein. Wir müssen ein System entwickeln, welches Unternehmertum fördert. Konkret geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die für Menschen einen Anreiz bilden, Unternehmen zu gründen. Tun wir dies nicht, dürfen wir uns nicht wundern, dass es immer weniger Personen gibt, die ihr Kapital zur Gründung eines Unternehmens einsetzen und viel persönliche Zeit aufwenden, um einen Betrieb von Grund auf aufzubauen. Wir brauchen vor allem ein Steuersystem, welches Wirtschaftswachstum fördert und Anreize für Unternehmensgründungen schafft.

Wir brauchen Menschen, die bereit sind, etwas zu riskieren, die neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen – und die damit auch zum gesellschaftlichen Fortschritt und zur Verbesserung unseres Lebensstandards beitragen. Genau diese Art von Unternehmertum müssen wir fördern. Die Industrie, in der ich die meiste Zeit meines Lebens gearbeitet habe, bildet ein gutes Beispiel. Warum sollte jemand Geld investieren um eine Fabrik zu bauen, Maschinen zu kaufen und Arbeiter anzustellen, wenn er mit dem Kauf von Anleihen mehr Geld verdienen könnte?

Am Arbeitsplatz sieht es ähnlich aus. Wenn Mitarbeiter hart arbeiten und wesentliche Beiträge zum Geschäftserfolg leisten,  erwarten sie eine bessere Bezahlung. Das ist menschlich. Niemand wird um weniger Geld härter arbeiten. Und niemand wird das Risiko eingehen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, wenn die Perspektiven nicht stimmen. Ich bin Menschen gegenüber skeptisch, die sagen, dass Geld für sie keine Rolle spielt. Geld ist zweifelsohne ein starker Antrieb, auch wenn es letztlich nur ein Mittel darstellt, um andere Dinge zu verwirklichen. Geld darf aber niemals das einzige Ziel darstellen. Sobald dies der Fall ist, sobald man alle Aktivitäten nur auf Geld ausrichtet, kann man kaum wahre Größe erreichen. Ich beobachte mit Sorge, dass wir uns als Gesellschaft immer weiter davon entfernen, Menschen zu ermutigen als Unternehmer oder Erfinder tätig zu sein. Das ist bedenklich, denn dadurch gefährden wir einen der wichtigsten Antriebe für unseren Wohlstand

 

„Spezialisierung ist für Insekten“

Was Heinlein und Sarasvathy gemeinsam haben — ohne es zu wissen und es ist nicht deren Weltsicht. Was steckt hinter dieser "Provokation"?

Robert A. Heinlein war Offizier, Ingenieur und Science-Fiction-Autor. Einer, der über Raumschiffe schrieb und dabei über Menschen nachdachte. In seinem Roman Time Enough for Love (1973) lässt er die Figur Lazarus Long einen langen Satz sprechen, der in englischsprachigen Blogs, auf Goodreads und Reddit seit Jahren immer wieder auftaucht:

„A human being should be able to change a diaper, plan an invasion, butcher a hog, conn a ship, design a building, write a sonnet, balance accounts, build a wall, set a bone, comfort the dying, take orders, give orders, cooperate, act alone, solve equations, analyze a new problem, pitch manure, program a computer, cook a tasty meal, fight efficiently, and die gallantly. Specialization is for insects."

Das klingt nach Provokation. Es ist auch eine.

Aber man sollte kurz innehalten: Das ist die Liste eines Mannes, der in seinem langen Leben fast alles selbst war — Soldat, Bauer, Arzt, Betrüger, Priester. Lazarus Long ist keine literarische Konstruktion, er ist das Argument. Heinlein beweist die These mit der Figur, nicht nur mit dem Satz.

Trotzdem. Die Liste ist martialisch: „Plan an invasion", „fight efficiently", „die gallantly". Heinlein schreibt aus einer sehr spezifischen Weltsicht — aus dem rauen, selbst gemachten Amerika, aus einer Welt, in der man sich selbst zu helfen hatte. Wild West. Offizierskaserne. Pioniergeist.

Was Sarasvathy dazu sagen würde

Saras Sarasvathy hat in den frühen 2000er-Jahren etwas beobachtet, das sich nicht in die gängige Entrepreneurship-Theorie fügte: Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer denken nicht kausal. Sie starten nicht mit einem Ziel und suchen dann die Mittel. Sie starten mit den Mitteln — und schauen, welche Ziele sich daraus ergeben.

Sie nannte das Effectuation. Die erste Frage lautet nicht „Was will ich erreichen?" sondern „Was habe ich?"

Was man hat: Wissen. Können. Netzwerk. Erfahrungen, die quer durch Branchen und Lebensphasen gehen.

Heinleins Liste liest sich, von hier aus betrachtet, wie ein Mittelinventar. Nicht als Anforderungsprofil für den Alleskönner — sondern als Beschreibung einer Person, die in vielen Kontexten anschlussfähig ist. Die mit Bauern reden kann und mit Chirurgen. Die einen Satz schreibt und eine Kalkulation versteht. In der Effectuation-Sprache: ein breites Mittelset.

Das ist kein Argument gegen Tiefe

Heinlein sagt nicht, dass man alles gleich gut können soll. Das wäre absurd — und er war kein abstruser Denker. Er sagt, dass ein Mensch in der Lage sein sollte, sich zu bewegen. Zwischen Kontexten. Zwischen Rollen. Zwischen Problemen.

Das Gegenbild ist nicht der Dilettant. Es ist der Mensch, der ein Problem nicht mal erkennt, weil es außerhalb seines Fachgebiets liegt.

Ich habe das in Organisationen erlebt: brillante Fachleute, die nicht miteinander sprechen konnten, weil sie keine gemeinsame Sprache hatten — nicht einmal eine metaphorische. Der Finanzmensch verstand die Produktlogik nicht. Die Technikerin verstand den Kunden nicht. Alle sehr gut. Und gemeinsam kamen sie nicht weiter.

Spezialisierung als persönliches Risiko

Es gibt noch einen Blickwinkel, der selten genannt wird: Spezialisierung ist für den Einzelnen auch ein Risiko. Für Märkte und Arbeitsteilung mag sie produktiv sein. Für die Person, die alles auf eine Nische setzt — Wissen, Reputation, Netzwerk — wird sie zur Verwundbarkeit. Wenn diese Nische wegfällt, fällt man mit.

Wer sein gesamtes Kapital in eine Richtung investiert, wettet auf eine Möglichkeit. Ein breites Mittelset verteilt. Das ist keine Absicherungsstrategie — es ist eine andere Art, die Zukunft zu denken.

Tiefes Können in mindestens einem Bereich bleibt Voraussetzung. Sonst bleibt man überall Oberfläche. Aber die Frage ist, was drumherum ist.

Was bleibt offen

Heinlein hat die Liste 1973 geschrieben. Seitdem ist die Spezialisierungsdoktrin nicht kleiner geworden. Studienstrukturen, Berufsbilder, algorithmische Karriereberatung — alles optimiert auf die Nische.

Vielleicht ist das richtig. Vielleicht brauchen Märkte genau das.

Aber was braucht ein Mensch?

Und was passiert mit dem Wissen, das zwischen den Nischen liegt — das keiner Disziplin gehört, das sich keiner Metrik fügt?

Nicolas Hayek ist Tod!

Der schweizer Parade-Unternehmer und Begründer der Swatch-Group und „Retter“ der schweizer Uhrenindustrie, Nicholas Hayek, starb gestern im Alter von 82 Jahren (Nachruf im schweizer Tagesanzeiger). Die letzte unternehmerische Initiative im Bereich alternativer und erneuerbarer Energieträger kann der Unternehmer-Rebell nicht mehr persönlich vollenden.

Sehen Sie in einem Interview vom Jänner 2010 durch die NZZ-Journalisten Markus Spillmann und Marco Färber eine spannende Diskussion, warum Nicolas Hayek meint: „Unternehmer sind Künstler!“ – ein wunderbares Effectuation-Beispiel.

Hier noch ein Link zu einem Cicereo Interview (via Ritchie Blogfried Pettauer): „Zu viele Gauner und Betrüger„.

Berufsbezeichnung – Entrepreneur?

“Entrepreneur ist keine Berufsbezeichnung. Es ist die Geisteshaltung von Menschen, die die Zukunft verändern möchten.“, meint Guy Kawasaki (Nicht-CEO bei Yahoo! & Venture Capitalist), und kommt damit – meiner Meinung – der Wahrheit schon ziemlich nahe. Doch was unterscheidet einen Entrepreneur von einem Unternehmer und wo ist der Rest von uns?

 

 

via blog.ambrosch.cc

Ist die Persönlichkeit oder die Erfahrung des Entrepreneurs ausschlaggebend? In diesem Blogbeitrag wird nicht nur der Persönlichkeit des Unternehmergeistes auf die Spur gegangen, sondern auch der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz und der Bedeutung unternehmerischer Gesellschaften nachgegangen!