Was der Magic Link, der Newton und ein neues BlackBerry-Revival über Innovation verraten
Vor ein paar Tagen postete Marcus Schütz auf LinkedIn ein Bild vom Nokia Communicator 9000. Sofort waren die Erinnerungen da: Palm, Newton, BlackBerry. Am selben Tag schickte mir ein Freund über WhatsApp ein Video vom guten alten Psion Series 5 – wir haben lange darüber diskutiert. Ein Gerät, das ich kurz vorher schon auf Youtube präsentiert bekam. Der Algorithmus hatte offenbar mein Interesse erkannt und lieferte gleich noch mehr: Bilder vom Apple Newton 2100, vom kleineren eMate, vom Palm Pilot. Eine kleine Techno-Safari durch mein berufliches Vorleben. Mittendrin: ein Substack-Beitrag von Rudolf Greger über den Sony Magic Link.

Auf der CeBIT trug ich noch den Newton, stolz, ein Stück Zukunft unterm Arm und in der Sacko-Tasche. Dann wurde er durch den Palm ersetzt. Beides waren tolle Geräte, die aber den Anschluss nicht geschafft haben. Wir kennen die Geschichte. Und da waren noch viele spannende Geräte, die sich gar nicht alle erwähnen lassen. Nur an den Magic Link erinnert sich fast niemand – nicht mal ein LinkedIn-Post oder ein Video holt ihn zurück. Jedenfalls ein Teil der Techno-Geschichte, an den sich nicht mehr viele erinnern können. Vielleicht, weil ihn nie besonders viele kannten.
Was fehlte
Rudolf erzählt die Geschichte so: General Magic, ein Spin-off aus dem Apple-Umfeld, zeigt Mitte der Neunziger ein Gerät, das im Kern schon ein Smartphone war. E-Mail unterwegs, digitale Assistenten, ein Jahrzehnt zu früh – die Entwickler selbst sprachen schon davon, dass einmal am Handgelenk zu tragen. Ein paar tausend Stück gingen an die eigene Belegschaft und deren Bekannte. Dann schloss die Firma.
Rudolfs These verlockt: Es fehlte die Anschlussfähigkeit. Die Menschen konnten sich nicht vorstellen, wie das Gerät in ihren Alltag passt – und niemand hat es ihnen erklärt. Erst das iPhone, gut zehn Jahre später, findet den Anschluss: Telefonieren als trojanisches Pferd, mit dem iPod im Bauch und dem App-Store als Ökosystem. Man kaufte ein Telefon und bekam, fast beiläufig, einen Computer dazu.
Sein Titel trifft den Punkt gut: Entdeckungsprozess. Genau das beschreibt auch die Effectuation-Forschung – Unternehmer wissen selten im Voraus, was funktioniert, sie probieren, beobachten, passen an, arbeiten mit den Mitteln, die gerade da sind, statt einem fertigen Plan zu folgen. Nur ist das die halbe Geschichte. Sie erklärt, wie ein Produkt entsteht. Was danach mit ihm passiert, ist eine zweite, unabhängige Rechnung.
Die Tastatur kommt wieder
Das Argument bekommt gerade neue Nahrung. Clicks Technology hat auf der CES heuer den „Communicator" vorgestellt, eine bewusste BlackBerry-Reminiszenz mit physischer Tastatur – mitentwickelt von einem früheren BlackBerry-Keyboard-Designer. Unihertz zieht mit ähnlichen Geräten nach. Die Tastatur, totgesagt seit dem ersten iPhone, kommt zurück, explizit als Gegenbewegung zum Dauerscrollen. Wieder ein Gerät, das erklären muss, warum man es plötzlich wieder braucht – nur diesmal mit einem Vorteil, den der Magic Link nicht hatte: Die Menschen wissen inzwischen genau, was sie am Smartphone stört. Der Bedarf ist erklärt, bevor das Produkt es tun muss.

Wert schaffen ist nicht Wert abschöpfen
Anschlussfähigkeit erklärt, warum ein Produkt bei den Menschen ankommt. Sie erklärt nicht, warum jemand damit reich wird. Rudolf schließt seinen Text mit einem Satz, der in seiner Erfüllung schön klingt: „Reichtum folgt nur dem Service." Nur stimmt er nicht zuverlässig immer.
Der Newton selbst ist das Gegenbeispiel im eigenen Text: genial, aber zu früh, teuer, mit schwacher Handschrifterkennung, ohne mobiles Internet. Apple hat mit dem Gerät kaum Geld verdient, das Wissen darüber aber mitgenommen. Betamax galt technisch als überlegen und verlor trotzdem gegen VHS, weil das Partnernetzwerk fehlte – wer mehr Filme im Regal hatte, gewann, nicht wer das bessere Band hatte. Die MiniDisc war praktisch, wiederbeschreibbar, klanglich gut – und geriet zwischen zwei Technologiewellen, CD und MP3-Player, die beide bereits ihr Publikum hatten.
Xerox PARC zeigte in den Siebzigern die grafische Benutzeroberfläche, die Maus, das vernetzte Büro. Verdient haben daran vor allem Apple und Microsoft, nicht Xerox. Und Nikola Tesla, dessen Wechselstromtechnik bis heute jede Steckdose speist, starb 1943 in einem New Yorker Hotelzimmer in bescheidenen finanziellen Verhältnissen – während sein Rivale Edison, geschickter im Verwerten und Verteidigen von Patenten, zu Lebzeiten reich wurde. OpenAI wiederum hat jahrelang Grundlagenforschung betrieben, bevor daraus im November 2022 mit ChatGPT ein Produkt wurde, das die Öffentlichkeit erreichte. Der Nutzen entstand früher als der Reichtum. Beide fielen nicht zwingend auf dieselbe Stelle, nicht einmal auf dieselbe Organisation.
Nutzen ist eine notwendige Bedingung für unternehmerischen Erfolg. Eine hinreichende ist er nicht. Dazwischen liegt, was Rudolf selbst beschreibt, ohne es so zu benennen: der richtige Zeitpunkt, ein Geschäftsmodell, das den geschaffenen Wert tatsächlich einsammelt, ein Vertrieb, der die Menschen erreicht, bevor sie es selbst herausfinden müssen, ein Design, dass den Nutzen nutz- und anwendbar macht.
Kein Widerspruch zu seinem Kernpunkt – Anschlussfähigkeit bleibt die Voraussetzung. Aber sie ist der Anfang der Rechnung, nicht ihr Ergebnis.
Was mich an meiner persönlichen Techno-Safari der letzten Tage am meisten beschäftigt: Bei jedem dieser Geräte – Newton, Communicator, Palm, Magic Link – weiß man im Nachhinein genau, was gefehlt hat. Beim aktuellen Tastatur-Revival weiß das noch niemand. Vielleicht ist das immer so, bis es vorbei ist. Dann hätte Steve Jobs doch auch Recht, wie wollten seine Kunden wissen, was sie brauchen. Er sagte es ihnen und behielt recht.
Was ist heute unser Magic Link – technisch längst da, aber noch ohne das trojanische Pferd, das es in den Alltag trägt? Und wartet irgendwo tatsächlich ein neuer Problemlöser, oder bekommen wir bloß neue Auflagen der bestehenden Lösung – das nächste iPhone, das nächste Fold, die nächste Generation Tastatur?
Anknüpfend an: Rudolf T. A. Greger, „Der Entdeckungsprozess – eine Vorüberlegung", Business Sparring auf Substack, 15. August 2026.
- Menschlich gepromptet wurde dieses Titelbild mit Hilfe generativer KI erstellt und anschließend manuell ausgewählt bzw. bearbeitet. Es dient als symbolische Visualisierung der Themen im Kontext dieses Artikels. Es zeigt keine realen Personen, Orte oder Ereignisse. ↩︎

